11 avalokiteshvara sw

Die Praxis von Liebe und Mitgefühl als ein Mittel gegen eigennütziges Denken

Wenn wir große Liebe zu allen fühlenden Wesen entwickelt haben, entstehen grenzenlose heilsame Wirkungen, denn eine derartige Liebe ist wie eine Opferung an alle Buddhas. Alle anderen Wesen fühlen sich zu uns hingezogen und wollen uns beschützen. Dieser Zustand bewirkt Frieden und Glück für uns selbst und wird der gesamten Umgebung nutzen. Wir werden weder unter Waffen noch unter Gift zu leiden haben, unsere Wünsche erfüllen sich mühelos, und wir werden in höheren Bereichen wiedergeboren. ndem man Liebe entwickelt, ist man nicht dem eigenen Frieden und Glück verhaftet, sondern denkt vielmehr nur an andere. Liebe ist der geistige Zustand, in dem man sich wünscht, dass alle fühlenden Wesen Glück und die Ursachen von Glück erfahren mögen. Das Ziel jeglicher Bemühungen ist das Wohlergehen aller ohne Ausnahme.

Bevor wir Liebe zu allen fühlenden Wesen entwickeln, müssen wir zuerst über die Liebe nachdenken, die unsere Mütter im Laufe vieler Jahre für uns gehabt haben. Als wir geboren wurden, waren wir wie ein kleines Insekt, unfähig, irgend etwas zu tun. Danach gab uns unsere Mutter zu essen und zu trinken. Sie opferte sich auf, um uns Kleidung und Unterkunft zu geben und versuchte, uns auch sonst zu erfreuen. Selbst, wenn es ihr an geeigneten Mitteln mangelte, versuchte sie, uns alles zu geben, was wir brauchten. Alles, was sie für ihr Kind benötigte, erlangte sie durch schwere Arbeit. Unsere Mutter beschützte uns außerdem vor Feuer, Wasser, Stürzen und anderen Gefahren. Sie sorgte sich über unsere Gesundheit und unser Wohlergehen. Wir wussten nichts, als wir geboren wurden, doch unsere Mutter lehrte uns sprechen, freute sich selbst über unsere ersten unsicheren Worte und Schritte, überwachte unsere Erziehung und hoffte, sie könnte uns zum Besten von allen machen.

Wenn ein Freund uns ein wenig behilflich ist oder uns eine Tasse Tee anbietet, sind wir sehr dankbar. Deshalb sollten wir einmal darüber nachdenken, wie viel mehr an Dankbarkeit unsere Mutter verdient, die so viel für uns getan hat.

Als nächstes müssen wir über die Tatsache meditieren, dass wir in unzähligen Leben immer wiedergeboren wurden. Daher sind alle fühlenden Wesen irgendwann einmal unsere Mütter gewesen. Deshalb vergegenwärtigen wir uns, dass alle Wesen gütig zu uns gewesen sind. Diese Güte können wir zurückgeben, indem wir Liebe praktizieren und allen Glück und die Ursachen von Glück wünschen. Die Liebe, die wir für unsere Mutter empfinden, dehnen wir auf unsere Verwandten, unsere Freunde, unsere Landsleute und schließlich auf jedermann aus, einschließlich derer, die wir als unsere Feinde betrachten.

Kyobpa Jigten Sumgön sagte:
„Wenn man nicht liebevoll über seine Mutter denken kann, soll man an einen lieben Freund denken und dieses Gefühl von dort ausdehnen.“

Mitgefühl ist der Wunsch, alle fühlenden Wesen mögen frei sein vom Leiden und den Ursachen des Leidens. Wenn unsere Mutter oder ein enger Freund eine Krise erleben, ist es unsere Aufgabe, ihnen zu helfen. Selbst, wenn unsere Mutter verrückt ist, versuchen wir, ihr zu helfen. In der gleichen Weise müssen wir allen fühlenden Wesen, die durch die drei Geistesgifte verblendet sind, helfen und versuchen, ihre Sichtweise zu ändern.

Wenn jemand großes Mitgefühl zu allen Wesen entwickelt hat, wird er die Qualitäten eines Buddha erlangen.

Liebe und Mitgefühl
sind die Essenz der Weisheit des Buddha.
Sie sind der Nektar, der alles in die Arznei verwandelt,
durch die die Krankheiten des Geistes geheilt werden.
Sie sind das Licht der Weisheit,
das die Dunkelheit der Unwissenheit vertreibt.

Die zwei Arten von Bodhicitta

Es reicht nicht aus, anderen Liebe und Mitgefühl zu wünschen, sondern wir müssen Methoden anwenden, diese Einstellung umzusetzen. Diese Methoden sind bekannt als

  • relatives Bodhicitta, welches den Pfad des Strebens und den Pfad der Ausführung umfasst
  • absolutes Bodhicitta, welches eine Vereinigung von Leerheit und Mitgefühl ist, grenzenlos und unbefleckt und jenseits aller Konzepte

Ist Bodhicitta erst einmal entfaltet, sollte man nicht ein einziges Wesen aufgeben. Relatives Bodhicitta umfasst zwei Aspekte:

  • Bodhicitta des Strebens
  • Bodhicitta der Ausführung.

Der Aspekt des Strebens bedeutet, dass der Wunsch vorhanden ist, Erleuchtung zu erlangen. Dieser Wunsch ist vergleichbar mit dem Wunsch, an einen bestimmten Ort zu reisen. Der Aspekt der Ausführung ist wie die tatsächliche Reise an das gewünschte Ziel.

Wenn wir Bodhicitta entwickeln, ist es wichtig, zwei Ziele im Auge zu behalten:

  • die Erlangung der Erleuchtung (oder die Suche nach der reinen Weisheit des Buddha)
  • das Wohlergehen aller fühlenden Wesen ohne Ausnahme.

Wo immer es Wesen gibt, sind auch störende Gefühle und Karma vorhanden, und deshalb gibt es dort auch verschiedene Ebenen des Leidens. Deshalb müssen wir den Entschluss fassen, alle fühlenden Wesen von diesem Leiden zu befreien. Es gibt vier Voraussetzungen, um den Erleuchtungsgeist (Bodhicitta) zu entwickeln:

  • man sieht den spirituellen Meister als den Buddha selbst an
  • man hat im Mahayana-Pfad Zuflucht genommen
  • man übt sich in der Praxis der Vier Unermesslichen
  • man sammelt großen Verdienst und Weisheit an.

Die positiven Resultate, die sich aus der Entwicklung auf dem Pfad des Strebens ergeben, sind folgende: Indem man in die Bodhisattva-Familie eintritt, erhält man die Übungen eines Bodhisattva, wodurch die Wurzel der unheilsamen Handlungen abgeschnitten wird; der Same der Erleuchtung ist in einen gesetzt; man sammelt grenzenlose Verdienste und Weis-heit an; man erfreut alle Buddhas; man nutzt allen Wesen; und man erlangt schnell die vollkommene Erleuchtung.

Auf der Grundlage des Pfades des Strebens hat das Bodhicitta der Ausführung die folgenden positiven Resultate: man erfährt ununterbrochen per-sönlichen Nutzen und man ist in der Lage, anderen Wesen durch vielfältige Handlungen zu nützen.

Alle Buddhas der drei Zeiten haben die Erleuchtung durch diese Übung erreicht, die für die Erlangung der Buddhaschaft unbedingt notwendig ist. Wenn wir die Bodhisattva-Gelübde nicht einhalten, werden wir nicht in der Lage sein, anderen zu helfen oder die Erleuchtung zu erlangen und wir werden in einem niederen Bereich wiedergeboren werden.

Das Bodhicitta der Ausführung wird durch das Studium und die Praxis der sechs Paramitas erreicht. Das Wort Paramita leitet sich von ‚param‘, jenseits der Küste und ‚ita‘, die Ankunft nach der Überquerung des Ozeans von Samsara, ab. Dies verweist auf die Vollkommenheit der Weisheit. Es schließt auch die Vollendung der Stufe der Buddhaschaft sowie die Methode dazu ein.

Die sechs Paramitas sind:

  1. Freigebigkeit
  2. Ethik und Verhalten
  3. Geduld
  4. Freudige Anstrengung
  5. Konzentration
  6. Weisheit.

Zusammengestellt aus Khenpo Könchog Gyaltsen Rinpoche:
Auf der Suche nach dem Reinen Nektar des Langen Lebens

Aus Rundbrief 1/2003