Milarepa-modern

Kurze Darstellung der Entwicklung der Drikung-Kagyü-Linie

Übertragung des Dharma nach Tibet

Buddha Shakyamunis kostbare Lehren wurden aus dem heiligen Land Indien nach Tibet gebracht und dort hauptsächlich von den großen Dharma-Königen Songtsen Gampo (eine Manifestation von Chenresig), Trisong-Detsen (eine Manifestation von Manjushri), und Trirelpa Chen (eine Manifestation von Vajrapani) in die tibetische Sprache übersetzt. Diese und andere Dharma-Könige, Minister, Übersetzer und Gelehrte verbreiteten die wunderbaren und vollendeten Lehren des Buddha in Tibet, ungeachtet ihres weltlichen Glücks, selbst unter dem Risiko, ihr Leben zu verlieren. Als ein Ergebnis davon entwickelten sich unzählige Heilige und Yogis in Tibet durch perfektes Verstehen, Betrachten und Meditieren über die kostbaren Lehren.

Ausgehend von diesen unzähligen Heiligen und Yogis, entwickelten sich acht große Linien, die als Nyingma, Kadam, Lamdre, Kagyü, Shangpa, Shije, Jordrug und Chöyül bekannt sind. Unter ihnen entstand die Kagyü-Linie durch den weithin berühmten großen indischen Heiligen Tilopa, der von Vajradhara (tib. Dorje Chang), dem Dharmakaya-Buddha, die direkte Übertragung aller Sutras und Tantras erhielt. Tilopa (988-1069) erhielt ebenfalls die Belehrungen über Mahamudra in Verbindung mit den sechs Yogas von Arya Nagarjuna, Charyapa, Lawapa und Khelwa Sangpo. Diese besondere Übertragung ist als Kagyü-Linie bekannt.

Der Hauptschüler des Heiligen Tilopa war der Gelehrte Naropa (1016-1100), das Oberhaupt der bedeutenden und weithin bekannten Universität Nalanda.

Die Entwicklung der Kagyü-Linie in Tibet

Marpa, der Übersetzer (1012-1097), der als der Tantrische Meister Tibets gilt, wurde der führende Schüler des Gelehrten Naropa. Er machte ausgedehnte Reisen, bereiste furchtlos dreimal Indien und viermal Nepal, um dann viele wichtige Belehrungen nach Tibet zu bringen. Marpa, der Übersetzer und Vater der Tantrischen Lehren, erhielt Unterweisungen von 108 Tantrischen Meistern, sowie von Naropa und Maitreya. Der Gelehrte Naropa bestimmte Marpa zu seinem Vajra-Regenten in Tibet und sagte voraus, daß sich die Mahamudra-Lehren in der kommenden Zeit bedeutend entfalten würden.

Der wichtigste Schüler des Heiligen Marpa war Milarepa (1052-1135), der als der größte Yogi Tibets angesehen wird. Jetsün Milarepa erlangte in einem Leben die Erleuchtung, und sein Name und seine Hunderttausend Gesänge sind zu einer Kraftquelle geworden, um zahllose Wesen auf den bewährten Pfad des Buddha zu führen.

Jetsün Milarepas Hauptschüler war Gampopa (1079-1153). Als Buddha Shakyamuni in dieser Welt weilte, manifestierte sich Gampopa als Bodhisattva Chandra Prabhava Kumara. In den Samadhi- und Karuna-Pundarika-Sutras finden sich Prophezeiungen, die von Buddha selbst stammen und sich auf das Kommen Gampopas beziehen. Dieser studierte alle Sutras und Tantras. Insbesondere studierte er die Kadampa-Lehren, die sich von Gyachkriwa Chayulwa, Nyukrumgpa und anderen herleiten, und durch vollkommene Erkenntnis, vollkommenes Handeln und vollkommene Bemühung erlangte er erfolgreich die Manifestation aller natürlichen Zeichen eines Bodhisattva auf der zehnten Stufe (Bhumi).

Allein durch das Hören des Namens von Jetsün Milarepa erwuchs in Gampopa spontanes Vertrauen zu ihm, und als er schließlich zu Füßen Milarepas anlangte, erhielt er alle Unterweisungen, einschließlich der sechs Doktrinen, die jetzt allgemein als die “Sechs Yogas des Naropa” bekannt sind. Auf diese Weise meisterte Gampopa alle Lehren des Buddha in Tibet. Gampopa verkörperte selbst drei große Linien – die Nagarjuna-Linie (die Linie der tiefen Einsicht), die Asanga-Linie (die Linie der allumfassenden Handlung) und die Tilopa-Linie (die segensreiche Meditations-Linie). Als Ergebnis dieser höchsten Realisation entstand der Name Dhagpo Kagyü. Außerdem entwickelten sich von Gampopa her die Phagdru-Kagyü, Barom-Kagyü, Kamtsang-Kagyü und Tselpa-Kagyü.

Aus der sehr großen Anzahl seiner Schüler erhielt Phagdru Dorje Gyalpo (1110-1170), eine Manifestation des Buddha Khorwajig, alle Lehren des Buddha von verschiedenen Lehrern in Tibet. Er wurde berühmt für sein außerordentliches Wissen der Sutras und Tantras. Später, nach seiner Begegnung mit Gampopa, realisierte er die “Ursprüngliche Natur”. Darüber hinaus war er in der Lage, vielen Buddhas, Bodhisattvas und Yidams von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Er wurde der hauptsächliche Schüler von Gampopa. Danach ging Phagdru Dorje Gyalpo nach Phagmodru in Zentraltibet und “drehte das Rad der Lehre”. Daraufhin realisierten zahllose Schüler die Lehren, und der Ort wurde schließlich bekannt als “Sambhoga Buddha Feld”. Durch Phagdru Dorje Gyalpo entstanden folgende acht Kagyü-Linien: Drikung, Taglung, Trubo, Lingre (Drugpa), Mapa, Yelpa, Yasang und Shugseb.

Er hatte fünfhundert Hauptschüler, unter ihnen war der bedeutendste Schüler Kyobpa Jigten Sumgön Ratnashri, allgemein bekannt als “Drikung Kyobpa” (1143-1217 ). Kyobpa Jigten Sumgön Ratnashri war der Vajra-Regent des Buddha selbst in der nördlichen Hemisphäre.

Prophezeiungen über Jigten Sumgön

Einige vorläufige Übersetzungen der Voraussagen, die Buddha Shakyamuni in bezug auf Kyobpa Jigten Sumgön Ratnashri gemacht hat, lauten folgendermaßen:

  1. “In dem letzten Abschnitt der je fünfhundert Jahre wird in der nördlichen Hemisphäre das himmlische Gebiet, genannt ‘Drikung’, einen Buddha mit Namen ‘Ratnashri’ hervorbringen.”
  2. In der Yeshe Yongsugyepa Sutra wird gesagt: “In der nördlichen Hemisphäre inmitten der verschneiten Bergketten wird Ratnashri erscheinen. Dieses außergerwöhnliche Wesen wird weltweiten Ruhm erlangen und meine Lehren in großem Maße fördern.”
  3. Die Ghongdhu Sutra besagt: “Der Ursprungsplatz des Dharma, genannt Drikung, wird Ratnashri hervorbringen, der im Schweine-Jahr geboren wird. Er wird umgeben sein von einer Schar von einer Million Schüler. Bei seinem Tod wird er in das Ngonda Buddha-Feld eingehen. Dort wird er unter seinen unzähligen Schülern der ‘Vollkommene Weiße Buddha’ genannt.”
  4. Und letztendlich prophezeite der Lotosgeborene, Padmasambhava, in seinem ‘Gyalpokathang’: “Der Dharma-König Trisong Detsen wird in nordöstlicher Richtung von Samye, in Drikung, der Domäne des Buddha-Dharma, in der Form der Sugatas, als Ratnashri, im Schweine-Jahr erscheinen. Umgeben von einer Schar von einer Million Schülern, wird er das Ngonda Buddha-Feld als der vollkommene Weiße Buddha regieren.

In vielen Sutras und Tantras finden sich solche Prophezeiungen über Kyobpa Jigten Sumgön Ratnashri. Litsabe war ein Zeitgenosse von Buddha Shakyamuni und wurde als Buddhas wahre Manifestation angesehen, welcher sich, nachdem 400 Jahre verstrichen waren, als Arya Nagarjuna wiederverkörperte. Arya Nagarjuna wurde später in Tibet als Kyobpa Jigten Sumgön Ratnashri wiedergeboren, um die makellosen Lehren ohnegleichen zu fördern. Der singalesische Arhat und Mönch und die grüne Tara sagten dem Mahapandit Shakya Shri Badara, daß Ratnashri eine Wiedergeburt von Arya Nagarjuna sei.

Kurze Biographie Kyobpa Jigten Sumgöns

So geschah es in Übereinstimmung mit den Weissagungen, daß Kyobpa Jigten Sumgön Ratnashri im 12. Jahrhundert in Osttibet geboren wurde. Sein Vater hieß Naljor Dorje und seine Mutter Rakshisatsün. Im Alter von vier Jahren konnte er lesen, mit acht Jahren erfuhr er eine direkte Begegnung von Angesicht zu Angesicht mit Dorje Jigjey. Von vielen bedeutenden Lehrern erhielt er die Mahamudra- und Kadampa-Lehren; im Alter von 25 Jahren traf er seinen Guru Phagmodrupa in Zentraltibet. Von Phagmodrupa erhielt er alle Unterweisungen der Sutras und Tantras. Dann erreichte er die höchste Hingabe und den höchsten Bewußtseinszustand und wurde der Hauptschüler von Phagmodrupa.

Später wurde Ratnashri Phagmodrupas Vajra-Regent. Im Augenblick von Phagmodrupas Tod war eine Versammlung seiner Schüler Zeuge der wunderbaren Übertragung eines goldenen Vajra (aus Licht) aus dem Herzen von Phagmodrupa in das Herz von Ratnshri. Nach siebenjähriger Meditation in der Echung-Höhle in Zentraltibet erlangte Ratnashri im Alter von 35 Jahren Erleuchtung. Sein Ruhm verbreitete sich in ganz Tibet und infolgedessen gewann er eine ständig wachsende Zahl an Schülern.

Im Alter von 37 Jahren errichtete er den Hauptsitz in Drikung mit dem Namen “Jangchub Ling” (Zentrum der Erleuchtung). Hier betonte er die Wichtigkeit ethischer Disziplin, die die Wurzel der Lehren Buddhas bildet. Sogar Gottheiten und Geister setzten sich Kyobpa Jigten Sumgön zu Füßen, um sich zu verpflichten, den Dharma zu schützen. Er gab die Unterweisungen stets in Übereinstimmung mit dem Verstehenshorizont seiner Zuhörer, und alle fühlenden Wesen erhielten den höchsten Nutzen. Er war in der Lage, Bodhisattvas zu führen und besuchte die Buddha-Länder aller zehn Richtungen, weil sein Geist eins war mit allen Buddhas.

Als der erste Karmapa, Düsum Khyenpa, Drikung besuchte, sah er Jigten Sumgön als Buddha selbst. Er entwickelte großes Vertrauen in ihn und erhielt von ihm Belehrungen. Die Könige von Tibet, Indien und China erwiesen ihm ihre Ehrerbietung. Amldrozichen, ein König der Nagas, brachte Opferungen dar, um die wachsende Zahl von Schülern um Jigten Sumgön zu bewahren. Jangchub Ling (Drikung) erreichte die Höhen seiner spirituellen und materiellen Blütezeit.

Jigten Sumgön gab viele Belehrungen über seine eigene Verwirklichung der Buddhaschaft viele Kalpas zuvor, als er sich als Buddha Lurigdron manifestiert hatte. Nachdem Buddha Shakyamuni Voraussagen über Kyobpa Jigten Sumgöns Erscheinen gegeben hatte, gab er seinen 4. Zahn an Sogmamey, einem König der Nagas, mit dem Auftrag, diesen Kyobpa Jigten Sumgön zu überbringen. Kyobpa Jigten Sumgön sandte einen Schüler zu Sogmamey und bat um den Zahn des Buddha. Danach ließ er eine Statue von sich anfertigen, die in ihrem Inneren den Zahn enthielt. Diese segnete er mehrmals und opferte sie.

Kyobpa Jigten Sumgön hatte 180.000 Schüler in Drikung. Dreimal sandte er Schüler an jeden der heiligen Plätze – zum Berg Kailash, nach Lachi (in der Nähe von Nepal) und nach Tsari (in der Nähe von Arunachal Pradesh). Beim dritten Mal schickte er 55.525 Schüler mit der Absicht, dort zu meditieren. Er sandte ebenfalls viele Schüler an einsame Plätze überall in Tibet und insbesondere in die Bergketten des Himalaya. All dies führte dazu, daß in der Folgezeit diese heiligen Plätze der Obhut der Drikung-Kagyü anvertraut waren. Auf diese Weise verkörperten Jigten Sumgöns Belehrungen die Lehren aller Buddhas. Er betonte die umfassende Bedeutung ethischer Disziplin und des Bodhicitta und lehrte, dies seien die Schlüsselfaktoren, die die Wesen zur Erlangung der Buddhaschaft befähigen. Seine Lehren verbreiteten sich weit und waren Gottheiten, Nagas und menschlichen Wesen in höchstem Maße von Nutzen. In seinem 75. Lebensjahr erreichte er das Mahaparinirvana.
Diese kurze Darstellung eines Auszugs aus dem wunderbaren Leben des Kyobpa Jigten Sumgön ist nur wie ein Tropfen Wasser im gesamten Ozean.

Weitere Entwicklung der Drikung-Kagyü-Linie

801 Jahre sind bis zur jetzigen Zeit der Aufzeichnung verstrichen, seit der Hauptsitz der Drikung-Kagyü (Jangchub Ling) errichtet wurde. Von dem großen Abt Khenchen Gurawa Tsültrim Dorje bis hin zur Gegenwart gab es 37 aufeinanderfolgende Meister, die die goldene Kette der Drikung-Kagyü-Linie bilden. Jeder dieser inspirierten Meister war eine Manifestation der Buddhas und Bodhisattvas. Durch angemessenes Verstehen, Betrachten und Meditieren in Übereinstimmung mit den in den Sutras und Tantras von Vajradhara enthaltenen Lehren verbreiten sich allumfassende Segnungen zum Wohle aller fühlenden Wesen.

Mögen diese kostbaren Lehren des Buddha ein Mittel sein, um das Leiden der fühlenden Wesen gänzlich zu beseitigen. Möge es allen nützen.

Diese kurze Darstellung der Entwicklung der Lehre bis zum Entstehen der Drikung-Kagyü-Linie stammt von S.H. Drikung Kyabgön Chetsang Rinpoche, dem Oberhaupt der Drikung-Kagyü-Schule des tibetischen Buddhismus und wurde während der Einweihung des “Tibetan Mahayana Buddhist Drikung Kagyudpa Centre” in Bylakuppe, Süd-Indien, am 15. Mai 1980 vorgetragen. Eine englische Übersetzung wurde später von westlichen Schülern ins Deutsche übersetzt. Diese vorläufige Übersetzung bedarf einer späteren Überarbeitung, wird jedoch hier vorgestellt, um einen kurzen Eindruck in bezug auf die Lebensgeschichte des Kyobpa Jigten Sumgön zu vermitteln.

Aus Rundbrief 2/2001