Ursprung und Übertragung von tibetischen Meditationen

am Beispiel der Langlebenspraxis des Buddha Amitayus aus der Übertragung der Mahasiddha Rajnyini

Im Buddhismus wird großer Wert darauf gelegt, dass die Methoden zur Entwicklung des Geistes authentisch vom Buddha in einer ungebrochenen Übertragungslinie weitergegeben wurden. Dabei kommt es nicht in erster Linie auf die Schriften oder Worte an, sondern dass die Essenz, d. h. das, was durch eine Übung oder Meditation im eigenen Geist verwirklicht werden soll, von der Schülerin oder dem Schüler erlangt wurde. So entsteht über Generationen eine lebendige Übertragung, die mit großem Segen verbunden ist.

Die Methoden des Vajrayana
Insbesondere in Meditationen des Vajrayana, die tiefgründige Methoden für eine schnelle Entwicklung enthalten, ist die vollständige Übertragung und genaue Ausführung der Übungen von großer Bedeutung. Es wird immer wieder betont, dass diese besonderen Methoden großen Nutzen bringen, wenn sie korrekt ausgeführt werden, aber bei falscher Anwendung auch Schaden bewirken können. Unerlässlich ist daher zunächst, dass die Praktizierenden Liebe, Mitgefühl und Bodhicitta entwickeln, damit die Praxis nicht ein weiterer und möglicherweise nur raffinierterer Ego-Trip wird.

Die Voraussetzungen für die Durchführung von Meditationen des Vajrayana sind die Zufluchtnahme zu Buddha, Dharma und Sangha sowie das Erhalten der drei spezifischen Übertragungen für eine Praxis. Diese sind die Einweihung (tib. Wang oder Jenang), die mündliche Übertragung des Textes (tib. Lung) und die Erklärungen zur Ausführung der Meditation (tib. Tri).

Vertrauen und Hingabe in Ost und West
Bei den Einweihungen zu einer Meditationspraxis wird die Geschichte der Übertragungslinie normalerweise erzählt, wenn genügend Zeit dafür ist. Sie soll die Praktizierenden inspirieren und das Vertrauen in die Meditation stärken. In den asiatischen Ländern hat das früher wohl die gewünschte Wirkung gehabt und vielleicht ist es auch heute noch so. Wir hier im Westen tun uns oft schwer, die Geschichten zu glauben und dadurch mehr Vertrauen in eine Meditationspraxis zu entwickeln. Sie erscheinen uns mitunter eher als eine Art Märchen. Unser intellektuell geschulter Geist ist schnell dabei, zu untersuchen und abzuschätzen, ob das wirklich so gewesen sein kann, und wenn Ereignisse auftauchen, wie z. B., dass ein Verwirklichter fliegen kann, ist es mit unserem Vertrauen in die Echtheit der Erzählung schnell vorbei.

Es ist also die Frage, ob wir das alles wörtlich nehmen sollen oder ob es manchmal einfach Hinweise auf die geistigen Verwirklichungen sind. Vielleicht ist unsere geistige Vorstellungswelt auch einfach zu beschränkt, um sich auf diese für uns unglaublichen Geschichten einzulassen. Dass es in den Geschichten um andere spirituelle Dimensionen geht, ist wohl unstrittig und ebenso, dass wir durch die Meditationspraxis unseren Geist klären und Horizont erweitern wollen. Vielleicht kommen wir mit einer offeneren und weniger beurteilenden Betrachtung in diesem Fall weiter, gönnen unseren Intellekt ein bisschen Pause und tauchen in diese andere Welt ein. Einen Versuch ist es wert.

Die Geschichte einer Übertragungslinie am Beispiel der Buddha Amitayus Meditation

Nachfolgend wird hier die Geschichte der Übertragungslinie der Buddha
Amitayus Meditation nacherzählt, die in der Drikung Kagyü Linie häufig in der Tradition von Mahasiddha Raj­nyini (tib. Machig Drubpe Gyalmo) praktiziert wird. Ich stütze mich dabei auf Erklärungen von Drubpön Cham­pa Rigzin und Drubpön Kunsang, die diese bei der Einweihung bzw. bei Erklärungen zur Buddha Amitayus Meditation gegeben haben. Tändsin T. Karuna hat die Abschriften der Unterweisungen bearbeitet und in drei Broschüren, einer kurzen grundlegenden und zwei längeren ausführlicheren, zusammengefasst. Auf Seite 25 werden diese näher vorgestellt.

Der Meister Marpa und sein Sohn
Im 11. Jahrhunderts lebte in Tibet der große tantrische Meister Marpa Lotsawa[1]. Dieser hatte einen Sohn mit dem Namen ‚Dharma Dode‘, der ein Yogi war und sehr viel praktiziert hatte. Als er auf einem Pferd einen Ausritt machte, strauchelte es und er fiel herunter. Dabei blieb er im Steigbügel hängen und schlug mit dem Kopf auf dem Boden auf, sodass sein Schädel in drei Teile zerbrach.

Dharma Dode hatte eine spezielle Phowa-Praxis[2] geübt, die der Übertragung des Bewusstseins zum Zeitpunkt des Todes dient. Durch diese spezielle Praxis kann man das Bewusstsein zum Zeitpunkt des Todes nicht in ein reines Land, sondern in eine andere Person, die bereits verstorben ist, übertragen. Marpas Sohn kannte diese Praxis und sein Vater Marpa unterwies ihn, sein Bewusstsein in einen anderen Körper zu übertragen. In der Nähe fand man eine Taube, die gerade gestorben war, und der Sohn übertrug sein Bewusstsein zunächst auf diese tote Taube, die dadurch wieder lebendig wurde.

Da es aber keinen besonderen Nutzen hat, wenn das Bewusstsein in einer Taube existiert, die nicht sprechen kann, schickte Marpa die Taube nach Indien zu einem Leichenplatz (Friedhof), der ‚furchteinflößender Leichenacker‘ genannt wurde. Er wusste, dass sich dort gerade der Körper eines jungen Mannes befand, der gestorben war. Als die Taube dort ankam, wurde gerade die Leiche des jungen Mannes auf den Leichenacker gelegt und die Taube übertrug ihr Bewusstsein auf den Jungen, der dadurch wieder zum Leben erwachte. So konnte das Bewusstsein von Marpas Sohn in diesem wiederbelebten Körper weiterexistieren. Die Taube selbst starb, aber der Körper mit dem Bewusstsein des Sohnes von Marpa lebte wieder.

Der verstorbene Junge war der Sohn eines Brahmanen und die Eltern waren sehr glücklich, dass er doch noch lebte und kümmerten sich sehr um ihn, obwohl dieser nun in einer anderen Sprache sprach, die sie nicht verstehen konnten, und auch ganz andere Interessen als ihr Sohn vorher hatte. Später hat die Familie ihn zu einem berühmten Meister gegeben. Von diesem erhielt er Unterweisungen und wurde ein sehr guter Praktizierender. Er wurde auch als „der Baum des Tantra“ bezeichnet, weil er viele verschiedene Lehren gesammelt hat und auch sonst sehr viel wusste. So wurde er ein großer realisierter Yogi, ein Mahasiddha mit dem Namen Ghantapa[3].

Die Reise von Milarepas Schüler Rechungpa
Zu gleichen Zeit lebte der große Yogi Milarepa[4], der der Hauptschüler von Marpa war, in Tibet. Er hatte einen Schüler mit dem Namen Rechungpa[5]. Dieser war ein guter Student und wollte immer sehr viel wissen, sogar mehr als Milarepa, und hat sich immer noch zusätzlich alles Mögliche Wissen angeeignet. Zudem war er sehr aktiv und daher viel unterwegs. Er folgte aber trotzdem den Lehren von Milarepa, war sehr gütig und hat sich sehr um seinen Lehrer Milarepa gekümmert. Deshalb gehörte er auch zu Milarepas engsten Schülern.

Eines Tages wollte Rechungpa nach Indien gehen, um dort noch verschiedene Lehren und Übertragungen zu erhalten. Er hatte von Milarepa alle notwendigen Einweihungen oder Übertragungen erhalten, um durch deren Praxis die Erleuchtung erlangen zu können, und so sagte Milarepa zu ihm, dass es nicht notwendig sei, nach Indien zu gehen. Aber Rechungpa hatte seine eigenen Vorstellungen und wollte zumindest einmal in seinem Leben Indien sehen. So reiste er nach Indien und traf viele verschiedene Meister.

Unter anderem erhielt er die geheimen und speziellen Unterweisungen von Ghantapa, dem ehemaligen Sohn Marpas. Rechungpa blieb sechs Monate bei Ghantapa und hat von ihm viele Lehren und Übertragungen erhalten, die er auch dort praktizierte. Als Rechungpa zurück nach Tibet gehen wollte, sagte er zu Ghantapa: „Mein Lehrer ist in Tibet. Dieser Lehrer ist Milarepa und er ist der beste Lehrer für mich.“ Ghantapa empfahl ihm: „Bevor du nach Tibet gehst, besuche doch heute noch das Fest auf dem Markt und schau dich etwas um. Dann kommst du zurück und gehst morgen zurück nach Tibet.“

Rechungpa trifft die Mahasiddha Rajnyini
So tat er es und auf seinem Weg traf Rechungpa eine alte Frau, die in Wirklichkeit die Mahasiddha Rajnyini, eine Langlebens-Dakini war. Sie sagte zu ihm: „Du bist ein guter Schüler von Milarepa, aber unglücklicherweise wird dein Leben nicht mehr sehr lang sein, denn du hast nur noch eine Woche zu leben.“ Rechungpa, der noch nicht sehr alt war, fragte sie: „Warum sollte ich nicht mehr lange leben? Ich glaube dir nicht.“ Daraufhin flog sie hoch in den Raum und er dachte sich: „Das muss eine besondere Person sein, wenn sie so etwas kann. Vielleicht ist sie eine besondere Dakini.“ So glaubte er ihr dann doch.

Daraufhin sagte sie: „Eigentlich wirst du in zwei Wochen sterben, aber ich kann dein Leben verlängern, damit du die Möglichkeit hast, vielen anderen fühlenden Wesen von Nutzen zu sein.“ Rechungpa war schockiert und dachte: „Oh, das ist nicht gut. Was soll ich tun? Ich gehe zurück zu meinem Meister und frage ihn, was ich machen kann.“ Sie sagte aber zu ihm: „Es hat keinen Nutzen, zu diesem Meister zu gehen, denn er kann dir nicht helfen. Du solltest in diesen besonderen Wald gehen und dort eine Dakini treffen. Sie hat sehr lange eine spezielle Praxis von Buddha Amitāyus ausgeführt und hat die Siddhis (Verwirklichungen) erlangt. Geh zu Ghantapa und frage ihn, ob er dir die Erlaubnis gibt, dorthin zu gehen. Wenn ja, dann tu das, denn sonst wirst du bald sterben. Dann kannst du nur noch die Praxis des Phowa[6] ausführen und es ist vorbei mit diesem Leben.“ So sagte diese Dakini nicht nur angenehme Dinge, sondern war sehr direkt.

Rechungpa dachte intensiv nach und erinnerte sich an viele verschiedene Arten von Unterweisungen und insbesondere an die vollständigen Dakini-Lehren. So hielt er sich nicht mehr lange auf dem Fest auf, sondern ging zurück zu Ghantapa, um ihm alles zu erzählen. Dieser antwortete: „Damit du diese Dakini treffen kannst, habe ich dich zu diesem Fest geschickt.“ Er gab ihm seine Zustimmung und Rechungpa ging nach Südindien, um die Mahasiddha Rajnyini zu treffen. Von ihr hat er die Übertragungen für diese spezielle Langlebenspraxis zu Buddha Amitāyus erhalten, die sie von dem großen Siddha Padampa Sangye[7] erhalten hatte. Anschließend praktizierte Rechungpa und rezitierte ungefähr eine Woche lang das Mantra. Damit konnte er seine Lebensspanne verdoppeln, d. h. er wurde nicht 42, sondern 84 Jahre alt.

Nachdem Rechungpa durch diese Praxis seine Lebensspanne verlängern konn­te, ging er wieder zu Ghantapa zurück. Dieser sagte zu ihm: „Tatsächlich kenne ich diese Praxis auch, aber ich habe dich zuerst zu dieser Dakini geschickt, weil dadurch günstige Bedingungen zusammenkommen, da sie schon über 500 Jahre lebt. Jetzt, wo du wieder zurückgekommen bist, werde ich dir ebenfalls die Übertragungen mit den Unterweisungen und Einweihungen geben.“

Zurück in Tibet
Anschließend ging Rechungpa wieder zurück nach Tibet. Dort wollte er all die Übertragungen und Belehrungen, die er in Indien erhalten hatte, Milarepa darbringen. Aber Milarepa war daran nicht besonders interessiert, sondern hat die Texte ins Feuer geworfen und gesagt: „Was Du da alles mitgebracht hast, ist nur Verschwendung von Papier und Tinte. Das brauche ich alles nicht. Aber diese Langlebenseinweihung und -praxis scheint ganz interessant zu sein.“ So hat Rechungpa diese Übertragungen an seinen Lehrer Milarepa weitergegeben. Von Milarepa wurden sie an Gampopa[8] übertragen, von ihm an Phagmo Drupa[9] und von diesem an Kyobpa Jigten Sumgön[10], den Gründer der Drikung Kagyü Linie.

Zusammenstellung von Christian Licht

[1] Marpa Chökyi Lodrö (1012-1096): auch ‚Marpa Lotsawa‘, der Übersetzer Marpa. Er war ein tibetischer Schüler des indischen Mahasiddha Naropa. Marpa brachte viele Lehren von Indien nach Tibet und übersetzte sie. Dazu gehörten Mahamudra-Texte und die sechs Yogas des Naropa. Sein berühmtester Schüler war Milarepa.
[2] tib. Phowa Tönchug
[3]  Ghantapa (tib. Sang Ngag Chödong, Tiphu Sang-ngag Dongpa, kurz: Tiphupa)
[4] Jetsün Milarepa (1040-1123): einer der großen Meister der Kagyü-Linien. Er war ein großer tibetischer Yogi, der die Buddhaschaft in einem Leben erlangte. Sein Leben ist ein berühmtes Beispiel dafür, wie man Not und Mühsal auf sich nimmt, um Erleuchtung zu erlangen. Von ihm wurde die Übertragung der
Mahamudra weitergegeben.
[5] Rechungpa (1084-1161): auch: ‚Rechung Dorje Dragpa‘, ein Hauptschüler von Milarepa. Er reiste drei Mal nach Indien und brachte von dort Unterwei­sungen und Übertragungen nach Tibet, die Marpa während seines Aufenthaltes in Indien noch nicht erhalten hatte.
[6] Phowa: die Bewusstseinsübertragung zum Zeitpunkt des Todes. Sie wird praktiziert, um im reinen Bereich von Buddha Amitabha (tib. Öpame) wiedergeboren zu werden.
[7] Padampa Sangye (tib., auch: Nagpopa): ein großer indischer Siddha. Seine Hauptschülerin war Machig Labdrön, die die Linie des Chö gründete.
[8] Gampopa (1079-1153): auch ‚Dagpo Lharje‘; Lehrer von Phagmo Drupa und dem ersten Karmapa.
[9] Phagmo Drupa (1110-1170): Hauptschüler von Gampopa und Lehrer von Kyobpa Jigten Sumgön.
[10] Kyobpa Jigten Sumgön (tib., 1143-1217): auch ‚Jigten Gönpo‘ oder ‚Rinchen Pal‘ (skr. Ratna Shri). Er war ein Schüler von Phagmo Drupa und der Gründer der Drikung Kagyü Linie.