ClaudeSarah1

Kha par – Wohin gehst Du?

Stationen eines Tibetischstudiums

„Kha par – Wohin?“ fragen Tibeter immer direkt, wenn sie einem auf der Straße begegnen. Eine simple Frage, die manchmal genauso schwer zu beantworten ist wie ein „Wie geht’s?“ hierzulande. Als ich mich im Sommer 2006 nach Indien aufmachte, um Tibetisch zu lernen, wusste ich nur, ich gehe nach Dharamsala. Meine Vorstellungen vom Tibetischlernen waren glücklicherweise recht naiv, sonst hätte ich den Schritt, mein gewohntes Lebensumfeld in Aachen aufzugeben, vielleicht nicht gewagt.

Im Jahr 2003 nahm ich an einem Tibetisch-Intensiv-Kurs im Drikung-Zentrum in Aachen teil und war sehr angetan von der fremden, bildhaften Sprache. Als wir im zweiten Teil des Kurses damit begannen, unter Anleitung eine Kurzfassung von Gampopas „Juwelenschmuck der Befreiung“ zu übersetzen, bekam ich eine Ahnung davon, dass mit der Kenntnis des Tibetischen ein tieferer Zugang zur buddhistischen Lehre möglich ist.

Circa ein Jahr später entwickelte sich mein Wunsch, in Indien Tibetisch zu lernen und ich nahm Kontakt mit dem LRZTP1 in McLeodGanj auf. Dieses Dolmetscher-Programm schien mir eine gute Gelegenheit, denn es sah ein zweijähriges Studium in Indien, gefolgt von einem zweijährigen Praktikum in einem westlichen FPMT2-Zentrum, vor. Leider wurde das Programm gerade zu dieser Zeit erst einmal auf Eis gelegt, da dessen langjähriger Lehrer in seine Heimat zurückging3.

Später hörte ich vom Sarah-College4 in der Nähe von Dharamsala. Dort beginnt jährlich im Juli eine einjährige Tibetisch-Klasse für Ausländer. Obwohl man angeblich ohne vorherige Anmeldung und Bewerbung teilnehmen könne, kündigte ich mich per Email an. Als alle Vorbereitungen für die Indien-Reise getroffen waren, kam eine kurze Antwort vom College, ich würde auf Platz 45 der Warteliste stehen, jedoch sollte der Kurs maximal 25 Schüler umfassen. Für mich gab es dennoch keinen Schritt mehr zurück. Ich wollte mein Glück vor Ort probieren.

Da man mich jedoch für eine Französin hielt, wurde ich am College zunächst abgewiesen. Bei meinem zweiten Ersuch konnte ich eine Probezeit von einer Woche aushandeln, an dessen Ende es außer Frage stand, dass ich bleiben durfte. Ich bekam im „Girlshostel“ ein spärlich eingerichtetes Zimmer mit einem Balkon zur Bergseite, wobei mich der Blick auf den Himalya allmorgendlich zu Tränen rührte. So fand ich mich „plötzlich“ in einem indischen Internat für Tibeter im Exil wieder. Ich drückte zusammen mit überwiegend asiatischen Klassenkameraden aus Korea, Tuva5, der Mongolei und Indien sowie einer Handvoll Westler die Schulbank und studierte tatsächlich Tibetisch. Nebenher gewöhnte ich mich an simples Essen, ein heißes Klima und ein Leben, in dem fließend Wasser und Strom nichts Selbstverständliches mehr waren.

Unser Stundenplan umfasste Grammatik, Wortschatz, Umgangssprache und Buddhismus. Die tibetische „Didaktik“ war gewöhnungsbedürftig. Monatelang rezitierten wir beispielsweise täglich einen der beiden noch erhaltenen Grundtexte zur tibetischen Grammatik, dessen Bedeutung erst im Verlauf des Schuljahres erklärt wurde. Auch wurden wir gern mit einer Fülle von unstrukturierten Informationen überhäuft, deren Verdauung Eigenleistung war.

Ein Problem war der fehlende Konversationsunterricht, den man durch Kontakte mit Tibetern ausgleichen sollte. Doch die meisten Tibeter haben wenig Verständnis dafür, dass Ausländer nun ihre unmoderne Sprache erlernen möchten. Sie sehen ihre Zukunft im Westen und nutzen jede Gelegenheit, ihr gebrochenes Englisch auszuprobieren. Mein Bild von einem Volk altruistischer Menschen, die dafür kämpfen, ihre wertvolle Kultur zu erhalten, bekommt erste Risse. Und mir wurde langsam klar, dass eine Integration in die tibetische Gemeinschaft schwer möglich ist.

Ab und zu gab es Feste mit Tänzen und Shows, am Lama-Tsongkhapa-Tag verwandelte sich das ganze Schulgelände in ein Lichtermeer aus Kerzen, was mich spontan an Weihnachten erinnerte und einmal stattete sogar der Karmapa dem College einen Besuch ab.

Institutionalisierter Buddhismus erschien mir manchmal noch unangenehmer als Christentum: Tibetische Schüler, die nicht zur morgendlichen Meditation erscheinen, müssen eine kleine Strafgebühr bezahlen. Viele verstehen die Bedeutung der Gebete, die sie rezitieren müssen, nicht – und haben auch kein Interesse daran.

Nach einem Jahr am College wechselte ich nach Thosamling6, einem kleinen westlichen Nonnenkloster, ebenfalls in der Nähe von Dharamsala. Hier hatte ich schon meine Ferien verbracht und den Konversationsunterricht mit Tibeterinnen zu schätzen gelernt. Kurz nach meinem Umzug ergab es sich, dass in der Philosophie-Klasse ein neues Thema, Lorig (Gewahrsein und Erkenntnis), begonnen wurde, so dass Geshe Tsewang Nyima in meinen Quereinstieg einwilligte. In einer bunt gemischten Gemeinschaft westlicher BuddhistInnen lernte ich ein wenig debattieren und versuchte zu Hause, die kompliziert erscheinenden Definitionen ins Deutsche zu übersetzen, statt sie einfach nur auswendig zu lernen. Im Jahr darauf begann die Philosophie-Klasse erneut. Zum Einstieg begannen wir klassisch mit Debatten über Farben und Formen, doch schnell erreichten wir abstrakte Themen der Logik und wurden von Geshela, unserem gelehrten, tief beeindruckenden, betagten Lehrer, spitzbübisch immer wieder in die Irre geführt.

Zudem besuchte ich das zweite Jahr des Tibetisch-Sprachkurses in Thosamling. Thema dieses Kurses war es, zuzuhören. Immer wieder lauschten wir Aufnahmen von Geshelas Unterweisungen zum Lamrim, wozu eine erfahrene Dolmetscherin Hintergrundinformationen zu Vokabeln und Inhalten lieferte. Zu Beginn des Schuljahres haben wir uns tatsächlich zwei Stunden lang lediglich mit einer Zeitspanne von fünf Minuten der Lamrim-Unterweisungen befasst. Eine frustrierende und mühevolle Arbeit, die aber später belohnt wurde, als wir während Geshelas Donnerstags-Unterweisungen den Dharma-Nektar direkt kosten durften.

Zwischenzeitlich bekam ich eine Zusage für ein Übersetzertrainings-Programm in Dehra Dun. Überglücklich zog ich im letzten Herbst in die Songtsen-Library7. In einer kleinen Gruppe von sechs Personen (fünf Deutsche und eine Norwegerin) erhielten wir im Drikung-Kagyü-College von dienstags bis freitags Erläuterungen zum Text „Öffentliche Dharma-Unterweisungen“ von Jigten Sumgön. Anschließend fertigte jeder eigenständig eine Übersetzung an, die wöchentlich untereinander ausgetauscht und diskutiert wurde. Samstags lehrte unser Lehrer Khenpo Nyima Gyaltsen einen Kommentar zum Lojong (Geistestraining), sonntags konnten wir mit ihm unsere vielen Fragen klären und montags hatten wir „unseren“ freien Tag.

Khenpo Nyima Gyaltsen ist ein außergewöhnlicher Lehrer. Er spricht für uns ein einfaches und klares Tibetisch, geht auf die Fähigkeiten jedes einzelnen individuell ein und erstaunt immer wieder durch seinen enormen Wissensschatz und die simplen alltäglichen Beispiele, anhand derer er ihn vermittelt.

Im Anschluss an den sechsmonatigen Kurs habe ich meine erste Übersetzung noch ca. zwei Monate lang in Dharamsala überarbeitet. Nicht nur, um der Regenzeit zu entfliehen und den Kontakt zur Heimat zu halten, verbringe ich im Drikung-Zentrum in Aachen derzeit einige Monate mit Übersetzungsarbeiten. Ab September werde ich erneut in Dehra Dun die Möglichkeit haben, einen Text von Jigten Sumgön zu übersetzen.

Obwohl ich nach zwei Jahren Studium in Indien den Unterweisungen auf Tibetisch folgen und beginnen konnte, schriftlich zu übersetzen, werden aus meinen zunächst geplanten zwei Jahren in Indien eher vier oder fünf Jahre werden. Soviel Zeit sollte man einplanen, um sich ein solides Basiswissen der tibetischen Sprache und buddhistischen Philosophie anzueignen. Die Zeit in Indien ist eine intensive und schöne Zeit mit ebenso vielen Höhen und Tiefen wie in der Heimat.

Claude Jürgens
Drikung Sherab Migched Ling
aus Rundbrief 3/2009

 

Bitte um Unterstützung

Ergänzend zu Claudes Beitrag möchten wir um Unterstützung für Claudes weitere Studien bitten. Für ihre Zeit in Dehra Dun hatte sie an einem Förderprogramm teilgenommen, dass aber vorerst nicht fortgesetzt wird. Um ihre Studien in Dehra Dun dennoch weiterführen zu können, reichen ihre Ersparnisse nicht mehr lange aus und wir möchten sie unterstützen, damit sie weiter lernen kann. Da es bislang nur wenige Übersetzer gibt, hat dies sicher einen großen Nutzen für die Zukunft.

In Übereinstimmung mit unserer Satzung können wir Spenden über das Zentrum sammeln. Jeder Beitrag ist willkommen. Vielleicht kann auch der ein oder andere eine regelmäßige Unterstützung einrichten, bis Claude ihre Studien abgeschlossen hat. Bei Überweisungen kann man als Verwendungszweck: „Studienbeihilfe Claude“ angeben und wenn man einen Umschlag in die Spendenbox des Zentrums wirft, schreibt man einfach „für Claude“ darauf, so dass wir es entsprechend buchen und weiterleiten können.

Ani Elke und Christian
Drikung Sherab Migched Ling

1  Lotsawa Rinchen Zangpo Translator Program
Foundation for the Preservation of the Mahayana Tradition
Ein neuer Kurs begann im November 2008. Für mehr Infos zu diesem empfehlenswerten Programm siehe
http://fpmt.org/Education/lrztp.asp
4  College for Higher Tibetan Studies, Sarah. Kontaktadresse: vgl. ibdindia.org
Tuva: Region Russlands nördlich der Mongolei
Siehe http://thosamling.net/
Informationen zur Songtsen Library und zum Drikung-Kagyü-College befinden sich auf http://drikung-
kagyu.org/. In den Wintermonaten wird in der Songtsen Library ebenfalls ein dreimonatiger Tibetisch-Kurs für
Anfänger angeboten.