Milarepa

Milarepa – der große Yogi Tibets

Jetsün Milarepa (1052 – 1135)

Über Milarepas Leben und seine Verwirklichungen gibt es eine Vielzahl von Erzählungen, die sich in Tibet großer Beliebtheit erfreuen und bis in die heutige Zeit überliefert worden sind. Auch seine spirituellen Lieder sind in viele Sprachen übersetzt worden. In „Die Großen Kagyü-Meister“ heißt es in der Einleitung:

Milarepa hielt die Übertragungslinie der Praxis und wurde eine Schlüsselfigur der Inspiration für die Anhänger des Dharma, ganz gleich welcher Schule sie angehörten. Aufgrund seiner unmittelbaren Wahrnehmung von Samsara, seiner großen Entsagung und seiner Bereitschaft, größte Leiden zu ertragen, erreichte er in einem Leben die Verwirklichung aller großen Qualitäten eines Buddha und wurde durch das mühelose Komponieren der Vajra Doha Lieder zu einem Instrument, das den Dharma in Tibet verewigte. Wie er selbst prophezeite, wurde sein Ruhm von den Dakinis verbreitet. In unserer Zeit ist seine Lebensgeschichte in vielen Sprachen erhältlich und wurde zu einer heilenden Kraft für die entmutigten Wesen in Samsara.

Dann wird das Leben von Milarepa unter vier Aspekten beschrieben, die hier mit einigen Beispielen kurz vorgestellt werden:

(1) Begegnung mit dem Erhabenen Marpa

Milarepa_ganzDer Erhabene Marpa hatte zahlreiche Schüler. Von seinen Herzensschülern war der große Yogi Milarepa der Wichtigste. Der große Milarepa lebte in Tibet, dem Land des Schnees. Bei seiner Geburt erhielt er den Namen Mila Thöpaga. Er erhielt schon früh zahlreiche Belehrungen, wie z.B. zu Maha-Ati, sowie Belehrungen über die Natur des Geistes gemäß den Schriften der Sutras. Später ging er zu dem Erhabenen Marpa, einem großen Meister, der ein Hauptschüler von Naropa war und viele Schwierigkeiten auf sich nahm, um die Lehren zu erhalten. Der Erhabene Marpa besaß den Pfad des segensreichen Tantra und die Technik der glückverheißenden gegenseitigen Abhängigkeit. Als Milarepa von ihm hörte, fühlte er außergewöhnliche Hingabe in sich entstehen. Daher zog er trotz Schwierigkeiten und Hunger bis nach Lhotrak, dem Ort, an dem Marpa Lotsawa lebte.

(2) Arbeit für den spirituellen Meister

Dort führte er alle möglichen Dienste, einschließlich Bauarbeiten, für den spirituellen Lehrer aus und schließlich erhielt er Belehrungen. Einmal gab es aufgrund eines ungewöhnlich heißen Sommers und einer bescheidenen Ernte wenig Nahrung. Da ging der große Heilige Milarepa in die Stadt, um vor der Menge, die die Schönheit seiner Lieder zu schätzen wusste, zu singen. Für seine Kunst erhielt er eine große Menge Gerste, die er der Frau seines Lehrers gab. Darüber war sie so erfreut, dass sie zu Marpa sagte, er solle Milarepa alle Lehren geben, die er besitzt. Zu dieser Zeit übertrug der Meister nur bestimmte Lehren. Später gab Marpa ihm die Essenz der vier Tantras, die sechs Yogas von Naropa und andere Lehren. Insgesamt blieb Mila sechs Jahre und elf Monate bei Marpa. Er erhielt alle Lehren ohne Ausnahme und kam zu einem tieferen Verständnis der essentiellen Lehren. Da er aber nur geringe Opfergaben darbringen konnte, dachte er: „Die höchste Opfergabe ist die Opfergabe der Praxis. Um die Güte des Meisters zu vergelten, sollte ich deshalb meine Praxis den von ihm erhaltenen Lehren darbringen.“ So meditierte er in verschiedenen Höhlen und anderen Orten und erlangte viele Verwirklichungen.

(3) Meisterschaft der gewöhnlichen und außergewöhnlichen Verwirklichungen (skr. Siddhis)

Unterhalb des Klosters von Ngok praktizierte Milarepa ein Jahr lang Meditation, ohne seinen Sitzplatz zu verlassen. Nach einem Jahr erlebte Milarepa glückselige Hitze und ruhiges Verweilen. Nachdem er auch an anderen Orten meditierte, erlangte er große innere Hitze und andere Qualitäten. Eine Zeit lang ernährte er sich nur von Nesseln, ohne Salz oder andere Gewürze. Als Mila vier Monate in Nepal meditierte, ernährte er sich nur von Obst. Wenn es niemanden gab, der ihm helfen konnte, gaben ihm die Dakinis Verschiedenes zu essen und zu trinken. Er konnte auch vier, fünf oder sechs Tage ohne Nahrung auskommen. So erklärte er: „Wenn ich in Samadhi eintrete, brauche ich nichts.“

Sein Ruhm verbreitete sich im ganzen Land wie das Licht von Sonne und Mond. Manchmal sang er Lieder der Verwirklichung und andere Yogis, die diese hörten, entwickelten tiefe Hingabe. Einige erkannten, dass er ein Siddha (skr.) war und entwickelten ebenfalls tiefe Hingabe. Einigen erschien er in besonderen Manifestationen, sodass in ihnen tiefes Vertrauen entstand. So erhielt eine Frau Belehrungen zur Tummo-Praxis und erlangte innerhalb von drei Tagen die Verwirklichung der inneren Hitze. Danach erhielt sie von Rechungpa weitere Belehrungen und praktizierte acht Jahre lang Me­ditation in völligem Schweigen. Später ging sie direkt in einen himmlischen Bereich ein.

Einmal gab Milarepa einem Schüler verschiedene Anweisungen und später begaben sich Ereignisse genauso, wie sie Mila vorhergesagt hatte. Auch viele andere, die Mila begegneten, erkannten, dass er übernatürliche Fähig­keiten besaß. Als z.B. einmal Tashi Tsering aus Drin kam, der den Meister bisher noch nicht getroffen hatte, sah er, wie der Meister von einem Felsen fiel und unverletzt wieder aufstand. Ein anderes Mal wurde Mila gesehen, als er am Himmel in einem Kristall-Stupa schwebte und dann wieder, wie er am Himmel auf einem Löwen ritt. Ein anderes Mal erschien ein Anhänger bei dem Meister, ohne ihn zu sehen. Als Mila wieder auftauchte, fragte er ihn, wo er war und was er getan hat. Mila antworte: „Ich habe nichts getan. Die beiden Formkörper des Buddha erscheinen gemäß den mentalen Verwirklichungen der Wesen, aber tatsächlich hat der Buddha nichts getan.“

Einmal gab es eine Seuche, durch die viele Menschen und Tiere getötet wurden. Da erschien Milarepa eine junge Frau, die ihn auf magische Weise zu einer großen Dakini führte. Diese erklärte ihm, dass schädlicher Rauch, der durch Menschen verursacht worden war, die Ursache der Seuche war und gab ihm Anweisungen, wie die Menschen der großen Seuche ein Ende machen konnten. Auch viele weitere Erlebnisse zeugten davon, dass der Meister vollkommene, übernatürliche Einsicht und grenzenlose Qualitäten besaß. So entwickelten viele, die solche Dinge erlebten, tiefe Hingabe an Milarepa.

Milarepa war niemals vom Zustand des Samadhi getrennt, unterschied nicht zwischen Meditation und Nachmeditation und erlangte die absolute Wahrheit der Dharmata, die Manifestation des Dharmakaya. Am achten Tag des vierten Monats im Jahr des Vogels trat Mila mit zweiundachtzig Jahren in Mahasamadhi ein. Seine Einäscherung fand in Tise und Drin statt. In dieser Zeit erschien er an drei verschiedenen Orten, in einer Form wurde er das Objekt für die Opferungen von Tashi Tseringma und in einer anderen Form ging er nach Indien.

(4) Die Fähigkeit, geeignete Gefäße (Schüler) zur Reife zu bringen

Im Allgemeinen hatte der ‚Große Heilige’ viele Schüler, darunter vier Herzenssöhne, acht nahestehende Schüler, sechs Schüler, die erst kurz vor seinem Tod erschienen und einen unvergleichlichen Sohn, der der Linienhalter war. Unter ihnen war sein einziger Dharma-Erbe und der wichtigste unvergleichliche Herzenssohn, der die Übertragungslinie hielt, der erhabene Meister des Dharma, Gampopa Nyamme Rinpoche. Der Erhabene Gampopa wurde in vielen Lehren des Buddha vorhergesagt. Dieses große, unvergleichliche Wesen (Gampopa) hat zwei Strömungen der Lehren, die von Atisha und die von dem ‚Großen Heiligen’, verbunden.

Der erhabene Meister des Dharma, der Drikungpa sagte: „Die kostbare Kagyü-Linie bringt die zwei Linien zusammen. Von Atisha kommt das kostbare, wahre Bodhicitta, die reine ethische Disziplin, die Sammlung der Lehren, die Kultivierung des Geistes, die Methode der Ordination und anderes. Von den Lehren des ‚Großen Heiligen’ kommen die Mahamudra der gleichzeitig entstehenden Weisheit, die sechs Dharmas von Naropa und vieles andere.“

Auszüge aus: Die Großen Kagyü-Meister,
deutsche Übersetzung im Drikung Kagyü Verlag 2004,
Zusammenstellung von Tändsin T. Karuna

Die Lebensgeschichten großer Meister – angefangen bei Buddha Shakya­muni bis zu heute lebenden Persönlichkeiten – beschreiben, welchen Lehrern sie begegnet sind, was sie gelernt haben, wie sie in ihrer Entwicklung Fortschritte gemacht haben, welche Verwirklichungen sie erlangt haben und auf welche Weise sie gewirkt haben bzw. heute noch wirken. Außerdem sind es Beispiele, um dazustellen, wie sich verschiedene Siddhis und erleuchte Qualitäten entwickeln und ausdrücken können. Indem sie den Dharma studiert, nach den Anweisungen ihrer Lehrer praktiziert, Hindernisse überwunden und große Verwirklichungen erlangt haben, sind sie zu wichtigen Vorbildern und Meistern geworden und tragen dazu bei, die Lehren zu erhalten und an ihre Schüler weiter zu vermitteln. Sie zeigen Wege, wie die Buddhaschaft zum Nutzen der Wesen erlangt werden kann. So können sie ihre Nachfolger inspirieren, in ihnen Hingabe erzeugen und ihnen die Lehren übertragen.

Indem wir uns ebenso von ihnen inspirieren lassen und über sie meditieren, können wir ihren Segen erhalten. Das bedeutet, dass wir den Wunsch entwickeln, ihre Verwirklichung in unserem eigenen Geist zu entwickeln, um zum Nutzen der Wesen zu wirken. Auch, wenn viele jetzt nicht die Voraussetzungen und äußeren Bedingungen besitzen, intensive Studien und Praxis auszuführen, können uns die Lebensgeschichten Anregungen für unsere eigene Entwicklung geben und uns ermutigen, entsprechend den Anweisungen der Lehrer zu praktizieren. So können wir auch unserem Leben eine entsprechende Ausrichtung zu geben und unsere geistigen Qualitäten entwickeln.

Um Grundlagen für günstige Bedingungen in zukünftigen Leben zu schaffen, gibt es zahlreiche Gebete und Übungen, die von großen Meistern und ihren Nachfolgern überliefert wurden. So können z.B. in verschiedenen Texten zur Praxis des Guru Yoga die Verbindungen zu diesen Meistern der Vergangenheit aktiviert werden. Die Praktizierenden machen sich mit der Entwicklung und Übertragung ihrer Verwirklichungen vertraut und bitten um den Segen und die Unterstützung, um eigene Hindernisse zu überwinden und ihnen in ihrer Praxis nachfolgen zu können.