meditierer

Das erste Mal im Zentrum oder was nicht so alles schief gehen kann

Puh – gerade noch geschafft. Punkt 8. Stehe zwar im Parkverbot, aber sonst hät’s gar nicht mehr hingehauen. Habe gehört, dass der Buddha übernatürliche Fähigkeiten hat. Wenn ich nun schon das erste Mal zu den Buddhisten geh, dann soll der Buddha auch mal zeigen, ob er es mit den Politessen aufnehmen kann.

Jetzt aber schnell rein. Na da steht ja einer mit Bodenhaftung. Besser mal fragen, ob ich überhaupt richtig bin zum Vortrag von Herrn ähhh – wie war die Eselsbrücke noch: Rein… und dann Schmidt und den letzten Buchstaben weg. Reinschmid? Ne, das war’s nicht. Ach ja, nicht Schmidt, sondern der Pocher war’s, also Rein-Poche, ne Rin-Poche war’s.

Warum guckt der mich jetzt so merkwürdig mitfühlend an? War doch ‘ne klasse Eselsbrücke. Und wenn ich nicht zum ersten Mal hier wäre, würde ich ja auch nicht fragen, oder? Ja, der Vortrag des RINPOTSCHE fängt gleich an. Was habe ich von meiner Mutter gelernt: Schreibe wie Du richtig sprichst! Anscheinend hatten die hier alle keine Mutter, die Ihnen sowas beigebracht hat.

Mist, die Garderobe ist schon voll. Egal, ich nehm die Jacke mit. Kasse ist auch gerade geschlossen. Ich soll ausnahmsweise nach dem Vortrag zahlen, weil’s jetzt gleich losgeht. Na gut, ist mir recht. Da geht’s rein. Immer dem Geruch nach, könnte man sagen. Riecht nicht ganz so betäubend wie der Weihrauch früher, aber es reicht, um die Bilder meiner frühen Kirchenbesuche wieder aufleben zu lassen.

Was hab’ ich vergessen? Oh, die Schuhe! Das ist mir jetzt im Schlussspurt völlig entglitten. Also nochmal zurück auf Los. Hoffentlich sind die Schuhe auch nachher noch da. Nicht, dass die hier während des Vortrags so’ne Sammlung für Flüchtlinge machen und dann sind meine besten Treter nachher irgendwo im Himalaya unterwegs.

Auch das noch! Dass meine Socken mal wieder eine Waschtrommel von innen sehen könnten, war mir ja sinnlich direkt klar, aber das mein kleiner Riese von Rechts jetzt als Weißer Riese aus dem Socken gucken muss… Für Socken tauschen, links mit rechts als Schadensbegrenzung ist jetzt keine Zeit. Also rechte Socke etwas nach vorne ziehen. Geht schon.

So, wieder rein. Verstehe jetzt, warum die immer Räucherstäbchen abbrennen. Alte-Socken-Geruchstöter. Cooler Name, sollte ich mir patentieren lassen. Ganze Menge Leute hier. Da vorne ist noch’n Platz auf’m Boden. Schnell über das Tischchen steigen, dann hab ich’s geschafft. Bin mir nicht ganz sicher, warum der Erleuchtete aus seiner perfekten Buddha-Position neben meinem Platz gerade so zusammengezuckt ist und noch versucht hat, den Tisch und das Heft bei meiner Überquerung unter mir wegzuziehen. Der kann höchstens Halberleuchtet sein. Ich bin überzeugt, dass ein Buddha nicht zuckt. Strafende Blicke und ein Seufzer des Halberleuchteten von rechts. Jetzt bekomme ich mein Heft wieder. Steht was mit Gebeten drauf. Habe die tiefgreifende Erkenntnis, dass es wohl irgendwas damit zu tun haben muss, dass man über dieses Heft nicht steigt.

Erstmal hinsetzen. Mir ist heiß! Hektik, Peinlichkeiten… Jacke aus. Autsch, die enge Jeans ist nicht die erste Wahl, um auf dem Boden zu sitzen. Mal unauffällig nach rechts schielen, wie der Halberleuchtete seine Beine sortiert hat. Sieht machbar aus. War früher immer ganz gut im Turnen. Allerdings hat er den Vorteil eines Sitzkissens. Da ist jetzt nicht dran zu kommen. Also so probieren… Nicht perfekt aber geht.

Oh Mann ey! Warum stehen alle wieder auf? Ich sitze gerade! Nix mit Entspannung. Also wieder hoch. Das mit dem Turnen ist doch schon was länger her. Bin mal gespannt was jetzt kommt, so wie alle da stehen: leicht gebeugt, Hände zusammengelegt. Bringt der Herr RINPOTSCHE seinen tibetischen Knecht Ruprecht mit?

Die kommen zwar zu zweit, aber der Rotgewandete im Schlepptau sieht nicht wie Knecht Ruprecht aus. Hat auch eher ein längliches Geschenk in der Hand statt einer Rute. Der Rinpotsche stoppt mitten im Gang. Schaut sich den ganzen Altar mit den Statuen usw. an. Das dürfte doch wohl nix Neues für ihn sein. Wenn ICH da stehen bleiben würde… Jetzt geht er auf die Knie und… Na das war nicht genau zu sehen. Küsst er nun den Boden so wie der Papst auf seinen Auslandsreisen? Ah, jetzt noch mal. Ne, ich glaube nicht. Ist wohl eher nur die Stirn, die auf den Boden aufsetzt. Und… alle guten Dinge sind drei.

Oh jetzt ist eine Kletterpartie angesagt. Da scheint der Herr aber eine gewisse Übung drin zu haben. Kommt ja auch aus dem Himalaya. Und elegant im Hinsetzen auf diesen hohen Thron ist er auch. Jetzt sind wir anscheinend dran. Um mich herum sind alle mit auf und nieder beschäftigt. Das ist mir too much für den Anfang. Der Rinpotsche guckt herum und bleibt natürlich bei mir hängen. Wieder mal aufgefallen. Aus Verlegenheit bewegen sich meine Hände automatisch zueinander wie zwei Magnete. Ich nicke leicht mit dem Kopf, auch von alleine. Der Rinpotsche lächelt. Aufatmen! Erste Prüfung bestanden, instinktiv!

Mit der Eleganz beim Hinsetzen hapert’s noch. Liegt bestimmt an der Jeans. Bin nicht der Einzige. Auf dem linken Flügel kämpft ein Mädel mit ihrem zu kurzen Rock. O, oh! Die ist sicher auch zum ersten Mal hier. Habe jetzt eine Ahnung davon, warum der Rinpotsche einen weiten langen Rock trägt.

Versteh’ kein Wort. Alles schaut auf den Rinpotsche. Das müssen alles Sprachtalente sein. Muss in der Ankündigung was überlesen haben. Irgendwas mit den sechs Vollkommenheiten stand da. Wahrscheinlich war eine davon Multilingualismus insbesondere bzgl. der asiatischen Sprachen.

Huch, den habe ich glatt übersehen. Verschwindet ja auch neben dem Riesengeschoss von Thron. Na den versteh’ ich schon besser. Hört sich nach Deutsch an. Der kann mir jetzt natürlich viel erzählen was der Rinpotsche gesagt haben soll. Geben wir ihm eine Chance.

Alle Wesen unsere Mütter! Eine reicht mir! Wenn die mir alle immer reinreden würden: Siggi mach doch so und willste nich… Danke! Ob das der Rinpotsche so gesagt hat?

Mein rechtes Bein spür’ ich schon gar nicht mehr. Voll weggeratzt. Muss irgendwas ändern, sonst geht gleich im wahrsten Sinne des Wortes gar nix mehr. Ausstrecken! Mit beiden Händen dieses taube Etwas am Tischchen vorbei nach vorne. Fühlt sich so an, als wenn das Bein gar nicht mehr zu mir gehören würde. Puh, geschafft!

Sch…., der Weiße Riese feiert sein Comeback in aller Öffentlichkeit. Zu spät, keine Chance, er hat seinen Auftritt. Der Rinpotsche schaut sehr interessiert und anscheinend auch vergnügt auf die Vorstellung des Weißen Riesen. Der Übersetzer erzählt was von Respekt und Wertschätzung dem Buddha und den Lehrern gegenüber und von rechts macht mir der Halberleuchtete gestenreich deutlich, dass mein Bein falsch ausgerichtet ist. Na wenn der mal nich ‘nen bisschen falsch ausgerichtet ist.

Ich sterbe gleich! Versuche dieses kribbelnde halbaufgewachte Etwas wieder in Position zu bringen. Muss was ändern. Jacke! Schön zu einem Knäuel formen und ab unter den Allerwertesten. Erleichterung! Prinz auf der Jacke, das neue Märchen aus Tibet.

Kann jetzt auch endlich zuhören. Der Rinpotsche ist bei den sechs Vollkommenheiten angekommen oder zumindest der Übersetzer. Nr. 1 Freigebigkeit. Da fällt mir meine Mutter wieder ein! Hat mir früher immer was von Sekten erzählt, die einem um alles bringen. So sieht mir der Rinpotsche nun nicht aus. Es scheint auch eher darum zu gehen, dass man guckt, dass sich das ganze überhaupt trägt und man seinen Geiz aufgibt. Irgendwoher muss das Geld ja kommen. Ha! Hab ja noch keinen Eintritt bezahlt. Da kommt gleich wahrscheinlich das blaue Wunder oder das rostbraune oder das grüne?

Hmm, da kann ich mein geplantes Patent wohl in die Tonne kloppen. Räucherstäbchen als Opferung für die Buddhas. Wenn das mal nicht nur ein Vorwand ist!

Ethische Disziplin, Nr. 2. Disziplin war immer schon mein Lieblingsthema oder sagen wir besser das meiner Mutter. Hier kommt anscheinend alle noch mal auf den Tisch. Na gut, keinem anderen schaden, das kriegt man meistens hin. Auch gegenüber Tieren? Jetzt hängen sie die Latte aber höher. Achtsamkeit im Bezug auf seine Mitmenschen und die Umwelt. Jetzt wird’s aber ein bisschen zu modern, Herr Übersetzer.

Es geht aber zügig weiter. Geduld als nächstes. Auch eine meiner Tugenden. Dinge ertragen ohne negativ darauf zu reagieren. Das kann ich direkt üben. Zusammen mit meinen Knien. Hölle, was ‘ne Übung. Auf Dauer geht das nicht. Nächstes Mal bin ich der erste hier und zementier mich auf einem Stuhl fest. Runter von der Jacke, Beine hochstellen. Wenn man doch schon halberleuchtet wär.

Das kenn’ ich doch! Nette Melodie. Oh verdammt mein Handy! Warum hat diese Jacke so viele Taschen? Im zerknüddelten Zustand weiß man gar nicht wo man anfangen soll. Booch is mir heiß… Endlich! Roter Knopf und Schluss. Besser nicht hochgucken. Noch ein bisschen am Handy rumfummeln bis sich alle wieder mit dem Rinpotsche beschäftigen.

Leute, das war Eure Chance Geduld zu üben. Im Nachhinein hätte ich doch gucken sollen, bei wie vielen das mit der Geduld angekommen ist. So Felduntersuchungen sind schon anstrengend.

Freudige Anstrengung! Endlich mal was, wo ich punkten kann. Das letzte Mal Crossbiken im Wald war super und anstrengend auch. Die sehen das hier aber ein bisschen eng. Mit der Lehre beschäftigen, nachdenken, meditieren, sich für die Entwicklung des Zentrums einsetzen, Mithelfen… Hört sich anstrengend an. Aber zumindest beim Rinpotsche kann ich die Freude entdecken.

Punkt 5: Konzentration. Achtsamkeit, geistige Ruhe. Jetzt geht’s an’s Eingemachte. Bei mir ist immer Party. Ein Gedanke tanzt mit dem nächsten. Ich glaub’ wenn ich schlafe läuft die Party weiter, nur ohne mich. Wenn ich mir den Mann da vorne so anschaue: Ja! Den haut so schnell nix um. Der hat die Ruhe weg, die geistige Ruhe.

Das Finale: Weisheit. Die mit den Löffeln. So einfach geht’s hier anscheinend nicht. Erkenntnis der Natur des eigenen Geistes. Da fällt mir die Karte von neulich ein: Stell Dir vor Du gehst in Dich und keiner ist da! Ich glaub der Rinpotsche kennt die Karte auch. Zumindest erzählt der Übersetzer gerade auch sowas. Das ist mir zu hoch! Ich fand die Karte ganz witzig, aber dass die das hier ernst nehmen.

Gleich ist Schluss. Ich kann auch nicht mehr auf dem Boden sitzen. Wie sagte der Rinpotsche so schön: Die Befreiung vom Leiden – Nirvana. Mein Auto wird mein Nirvana sein.

Das war’s! Aufstehen und nix wie weg. Komm nicht von der Stelle. Der Halberleuchtete hält mich am Arm fest. Ach ja der Rinpotsche. Klettert wieder herunter und geht ganz gemächlich und freundlich Richtung Ausgang. Ich stehe da mit zusammengelegten Händen, den Kopf ein wenig gesenkt. Jetzt bleibt er auch noch bei mir stehen, zeigt auf meinen Weißen Riesen, ich lächle etwas verlegen, er zeigt mir per Geste 1a, klopft mir auf die Schulter und hat sichtlich Spass. Und dann ist er auch schon weg. Netter Typ!

Der Halberleuchtete löst seinen Klammergriff und entschuldigt sich für sein mehrmaliges Eingreifen. Ja schon gut. Man könnte ja auch nicht alles wissen, wenn man das erste Mal da wäre. Schlaues Kerlchen. Ich verspreche ihm, beim nächsten Mal etwas weniger Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.

Ach der Kassierer. Den hatte ich schon wieder vergessen. Aber er mich nicht. Wie sollte er auch. Bin mal gespannt was jetzt kommt: Eintritt mit Verzugszinsen oder Störzuschlag oder so. 8 Euro. Ok! Damit kann ich leben. Schuhe sind auch noch da. Wenn jetzt der Buddha noch die Politesse umgeleitet hat, dann Spende ich das Geld für’s Knöllchen dem Zentrum oder dem Rinpotsche oder beiden.

Siggi Wunderlich
Aus Rundbrief 1/2008